Das Waldecker Lied (1/2): Wie August Koch dem Land eine Stimme gab
Shownotes
1890 sitzt Pfarrer August Koch bei einer Abendgesellschaft in Hagen – und wird ausgelacht, weil er kein einziges Lied aus seiner Heimat kennt. Was macht das mit einem Mann, der sein Land liebt? Host Dennis Schmidt erzählt, wie aus dieser Demütigung das Waldecker Lied entstand – und warum dem Lied nur wenige Jahrzehnte später eine ganz andere Prüfung bevorsteht. Teil 1 von 2.
Das Thema im Fokus:
- Wie Pfarrer August Koch aus Wrexen zum Dichter des Waldecker Liedes wurde: https://www.wlz-online.de/waldeck/diemelstadt/august-koch-dichter-waldecker-liedes-schrieb-1891-buch-mit-pferdegeschichten-8626206.html
- Von der fürstlichen Prinzessin zur Königin der Niederlande: Emma von Waldeck und Pyrmont: https://www.wlz-online.de/waldeck/korbach/von-fuerstlichen-prinzessin-zur-koenigin-niederlande-emma-von-waldeck-und-pyrmon-9713965.html
Hinweis:
Diese Folge ist eine Geschichtsfolge. "Woche im Rückblick" und "Die gute Nachricht" entfallen diesmal – wir widmen die ganze Folge August Koch und der Geschichte des Waldecker Liedes.
Musik-Credit:
Das Waldecker Lied, das Du in dieser Folge hörst: https://www.youtube.com/watch?v=kLHE0TCzalc
Und weiter geht's:
Teil 2 der Geschichte erscheint am Dienstag, den 6. Oktober, in der Lokalrunde.
Infos:
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Transkript anzeigen
00:00:00: Költe.
00:00:01: Im alten Krug sitzen vierzig Menschen an diesem Nachmittag zusammen, das Lokal ist voll.
00:00:06: Sie kommen aus dem ganzen Waldecker Land.
00:00:08: Die sind eingeladen worden zum Platt-Deutsch-Nachmittag wie sie es zweimal im Jahr machen.
00:00:13: Auf dem Tisch steht Kaffee Es gibt selbst gebackene Kuchen und es gibt jemand mit Akkordeon am Rand des Raums der spielt.
00:00:21: die Leute singen auch auf Waldeckern platt auf der Sprache die ihre Eltern und Großeltern noch täglich gesprochen haben.
00:00:29: eine spielt Herz weh.
00:00:31: Ein altes Wort für ein altes Gefühl.
00:00:34: und irgendwann, in diesem gemütlichen Nachmittag fällt ein Name August Koch.
00:00:41: Mancher nickt mancher lächelt.
00:00:44: Wer die Geschichte kennt der erzählt sie weiter.
00:00:46: Es ist die Geschichte eines Fahrers aus Wechseln Über eine Abendgesellschaft in Hagen über eine Demütigung Und was dann daraus wurde?
00:00:57: Die Geschichte erzählen wir heute Hagen.
00:01:19: Irgendwann im Jahr eighteenhundert neunzig ein Mann sitzt bei seinem Bruder.
00:01:24: es ist Abend Gesellschaft bürgerlich gemütlich.
00:01:28: Man trinkt, man plaudert, man singt.
00:01:31: Die Runde ist gut aufgelegt und irgendwann fragt jemand Ein Hagener kein Weidecker ob der Fahrer denn ein Lied aus seiner Heimat kenne?
00:01:39: Ein richtiges Weideker Lied so wie andere Regionen ihre Lieder haben.
00:01:44: Der Fahrer überlegt und er überlegt länger, als ihm lieb ist.
00:01:49: Denn er kennt keins – nicht das Richtige!
00:01:51: Nicht das Lied, dass man anstimmt wenn man Heimweh hat.
00:01:54: Das Lied sagt Ich komme von dort, das ist mein Land.
00:01:59: Er trägt schließlich das Lob der Eichen vor.
00:02:02: Ein alter Stück aber kein Heimatrieb keine Hymne.
00:02:06: Die Runde lacht Nicht böse eher herzlich Und das ist vielleicht dann schlimmer Ein Pfarrer aus dem Wallecker-Land und er kennt keinen Walleckalit.
00:02:17: Der Pfarrer heißt August Koch.
00:02:19: Er ist drei Jahre alt, er wohnt in Költe und ist so zuständig für Seelen.
00:02:25: Er hat studiert, kennt die Schrift kann predigen aber eine Hymne für seine Heimat hatte nicht.
00:02:32: Die hatte noch niemand geschrieben.
00:02:34: was in Koch in dieser Nacht vorgeht wissen wir nicht.
00:02:36: ob er stumm nach Hause fährt rot vor Scham auch beim nächsten Morgen schon die erste Zeile im Kopf hat Was wir wissen der fährt nach hause und in der Woche die folgt setzt er sich hin und fängt an zu schreiben.
00:02:51: Wer ist dieser Mann?
00:02:53: Ein Name, den jeder kennt wenn man im Waldecker Land aufgewachsen ist aber den Menschen dahinter, den kennen die wenigsten.
00:03:00: Koch wird am zehnten Januar, eighteen fünfzig in Wrexen geboren In der alten Dorfschule.
00:03:05: genau gesagt sein Vater ist Lehrer dort ein kleines Dorf auf der Hochfläche.
00:03:09: Felder Hecken weiter Blick.
00:03:12: Er wächst dort auch.
00:03:13: irgendwann kommt der Tag an dem die Dorfschule nicht mehr reicht.
00:03:17: Koch fährt nach Korbach ins Gymnasium.
00:03:20: Die Stadt mit der Kilianskirche, den Marktplatz und den Fachwerkhäusern ein anderes Leben als Wrexen aber noch Waldeck, noch zu Hause.
00:03:28: Dann Göttingen.
00:03:30: Theologie!
00:03:31: Die Universität an der Leute aus ganz Deutschland studieren.
00:03:35: Koch ist auch dabei – er wird Pfarrer.
00:03:38: Seine erste Stelle?
00:03:40: Kühlte.
00:03:41: Kommissarisch das heißt vorläufig auf Probe Felder, Kirche, Braunhöfe... Koch kennt solche Dörfer.
00:03:48: Er ist ja in einem von denen aufgewachsen.
00:03:51: Dann ... ... nach Bochum.
00:03:55: Er wird gefängnisgeistlicher.
00:03:57: Ein Jahr lang besucht er Menschen hinter Schlossern-Riegel.
00:04:00: Hört Geständnisse die er nicht loswährt.
00:04:02: Er sieht eine andere Welt.
00:04:04: Städtischer, enger, lauter als alles was er da kennt vorher.
00:04:09: Bochun ist damals schon mitten im Werden.
00:04:11: Zechen Schlote, Kohlenstaub in der Luft.
00:04:15: Nicht Waldecker Wald und Twiste sondern Fabrikeilen und Pflastersteine.
00:04:41: wird in Költe eine Straße nach Imenland, aber das liegt noch weit in der Zukunft.
00:04:46: Noch ist Koch einfach der Fahrer in Twistetal und einer, den man in Hagen ausgelacht hat.
00:04:54: Um zu verstehen warum, weil er kein Heimatlied hat, warum ein gebildeter Fahrer im Hagen dasteht und nicht singen kann müssen wir einen Moment weg von Koch, weg vom Költer ins Ruhrgebiet.
00:05:08: Die Industrialisierung des Ruhrgebiets kommt richtig in Schwung in den Achtzehnvierziger Jahren Kohle, Eisen und Stahl.
00:05:15: Zechen werden gebaut, Städte die vorher Dörfer waren wachsen in wenigen Jahrzehnten zu Großstädten.
00:05:20: Dortmund, Bochum, Essen, Hagen.
00:05:23: Um eighteenundfünfzig leben im heutigen Ruhrgebiet weniger hunderttausend Menschen.
00:05:28: Neunzehnundzwanzig sind es drei Komma acht Millionen.
00:05:32: Diese Industrie braucht Arbeiter sie braucht Hände Männer die nicht fragen wann Schluss ist Und die kommen aus ganz Deutschland aus dem Rheinland aus Westphalen aus Hessen Und das Waldeck.
00:05:44: Das Waldecker Land ist arm, nicht schlimmer als andere Mittelgebirgsregionen aber am genug.
00:05:50: Die Höfe sind klein die Böden steinig die Winter lang.
00:05:53: weil kein Hof erbt muss sich seinen Weg anders besuchen.
00:05:57: und seit die Eisenbahn auch durch Nordhessen fährt Dieser Weg kürzer geworden.
00:06:02: ein paar Stunden und keine Tagesreise mehr.
00:06:05: So ziehen Waldecks ins Revier.
00:06:08: Nicht einer Nicht zehn Tausende.
00:06:12: Über die Jahrzehnte bilden sich im Ruhrgebiet ganze Waldecker-Gemeinschaften.
00:06:16: Man trifft sich, man gründet Vereine, Waldeckevereine mit Waldeckermitgliedern, Waldäckergeschichten und Waldeckaplatt.
00:06:24: Man sitzt abends zusammen nach der Schicht nach dem Kohlenstaub.
00:06:27: Man redet über Zuhause, über die Berge, über Die Wälder, über Täler und Dörfer, die man nicht mehr täglich sieht.
00:06:36: Andere Regionen haben bei solchen Abenden hier niedrig.
00:06:40: Die Bayern singen ihre Lieder Die Westfalen singen ihre Lieder.
00:06:44: Wenn Heimweh und Bier und Gesellschaft sich mischen, dann singt man!
00:06:48: Und der Text, den man singt, sagt Ich komme von dort Das ist mein Land.
00:06:53: Waldeck hat das nicht.
00:06:56: Waldecker war eine in Hagen In Bochum im Dortmund.
00:07:01: Sie haben Abende Sie haben Mitglieder Sie haben Waldecks Platt Aber sie haben keine Hymne Nichts dass man anstimmt wenn es mal ernst wird.
00:07:10: August Koch, der in Hagen sitzt und ausgelacht wird ist kein Einzelfall.
00:07:15: Er ist stellvertretend für Tausende, für alle die weggezogen sind um ihre Heimat im Herzen tragen und sie nicht besingen können.
00:07:23: Und jetzt kommt das erstaunliche an der Geschichte denn die Melodie für das fehlende Lied, die existiert längst Sie klingt bei festen im Weilecker Land.
00:07:36: Sie ist bekannt fast jeder hat sich schon gehört.
00:07:39: Sie braucht nur ein Text einen eigenen weileckischen Text.
00:07:44: Um das zu verstehen, müssen wir noch mal zurück.
00:07:47: Fast ein Jahrhundert.
00:07:50: Benjamin Christoph Friedrich Rose, siebzehnundfünfzig geboren, achtzehn und achtzehnt in Wallek gestorben.
00:07:56: Jahre lang Musikdirektor der Fürstlichen Hofkapelle in Aarholsen Der letzte, den diesen Titel trägt.
00:08:03: Rose sitzt in der Hofkappele und komponiert.
00:08:07: Er ist kein weltberühmter aber einer mit Gefühl für Melodien die Haften bleiben.
00:08:12: er vertruend ein Gedicht Unter dieser Eiche lasst Euch nieder, geschrieben von Philipp Ludwig Bunsen aus Mengenhausen.
00:08:21: Bunsen wird siebzehntzig geboren und stirbt achtundhundertneun.
00:08:26: Manche kennen ihn vielleicht weil eine Straße nach England ist aber das was Rose aus seinem Gedicht macht, das überdauert ihnen um Jahrhunderte.
00:08:35: Achtzehnundfünfzehn erscheint roses Melodie in einer großen deutschen Liedersammlung im mildheimischen Liederbuch von Rudolf Zacharias Becker Ein Bestzeller seiner Zeit, weitverbreitet, viel gelesen und viel besungen.
00:08:49: Roses Melodie wandert durch Deutschland Und dann, in den letzten Jahren bekommt sie plötzlich eine Bedeutung, die niemand so geplant hatte.
00:09:04: Siebter Januar, Aarholsen Im Residenzschloss der Fürsten Zuweilig und Permont findet ein Hochzeit statt.
00:09:12: Die Braut heißt Emma Adelaide Emma Wilhelmina Theresia Zowallig und Plumont umgenommen zu sein.
00:09:19: Sie ist die Tochter von Fürst Georg Victor, zwanzig Jahre alt klug diszipliniert beschrieben als eine Frau, die weiß was sie will.
00:09:29: Der Breutigam ist König Wilhelm
00:09:30: III.,
00:09:31: der Niederlande.
00:09:32: Er ist ein sechzig Jahre alt, einen vierzig Jahre älter als Emma.
00:09:35: Seine Söhne aus erster Ehe sind alle älters als sie.
00:09:40: Es heißt, Emmers ältere Schwestern hätten den König abgelehnt.
00:09:43: Emma soll gesagt haben wir können dem Mann doch nicht so nach Hause fahren lassen.
00:09:48: Ob das so war wer weiß aber es klingt nach ihr.
00:09:51: an der Stelle empfehle ich dir die anderen Folgen der Lokalrunde.
00:09:54: schaue mal nach Emma.
00:09:57: Für diese Hochzeit braucht man eine Hymne Eine walldeckische etwas dass diesen Moment trägt Wenn ein Walldecker Prinzessin zur Königin der Niederlande wird.
00:10:08: Man nimmt roses Melodie die Melodie aus der Hofkapelle.
00:10:12: Ab dem siebten Januar,
00:10:13: o.o.,
00:10:14: gilt sie als die Wallekische Nationalhymne.
00:10:18: Nur Sie hat immer noch keinen eigenen wallekischen Text Ein Text den ein wallecker Mann in Hagen hätte singen können.
00:10:25: Wenn man ihn fragt kennst Du einen Lied aus Deiner Heimat.
00:10:31: Und so sind wir wieder bei Koch Bei Kühlte, bei der Woche nach Hagen.
00:10:36: Koch sitzt im Fahrhaus Papier, Federhalter Die Stille eines Winterabends.
00:10:41: Er weiß was er schreiben will, nicht im Detail aber im Gefühl.
00:10:46: Ein Lied für Leute wie die, die in Hagen zusammensitzen und Heimweh haben.
00:10:50: Kein geleertes Werk keine Acker mit dem Mietdichtung.
00:10:53: ein Lied das ein einfacher Mensch auswendig lernt.
00:10:58: Die erste Strophe beginnt nicht bescheiden sie beginnt mit dem größten unter allen landen deutscher Erde.
00:11:04: preis ich Waldeck mein lieb heimatland.
00:11:08: Nicht auch Waldecks schön sondern über alles andere hinaus.
00:11:13: Das ist das Beste, was ich kenne.
00:11:16: Dann wird es konkreter.
00:11:17: Koch schreibt über die Täler im Frühling Wenn der Linz mit Neue Pracht einzieht Über Berge Wiesenfelder Über die Eichen und Buchen Auf den Höhen Die Sturm Und Wind Trotzen Den Hirsch Im Stillen Waldgrund Den Quell Der Zum Klaren Bechlein Rindt.
00:11:34: Wer das Weilecker Land kennt Und die, die im alten Krug in Kühl gesessen haben, die kennen es Der sieht diese Bilder sofort Buchenwälder Die Bäche im Frühjahr, die anschwellen.
00:11:46: Koch beschreibt keine Fantasie.
00:11:47: Er beschreibt den Blick aus dem Fahrhaus.
00:11:51: Der Refrain ist kurz Direkt dreimal Mein Waldeck lebe hoch Und dann mein teures Liebeswaldeck Es lebe, lebe Hoch.
00:12:02: Das ist kein Kunstwerk das ist ein Zufuhr Ein Bekenntnis So wie wenn man jemandem zuproßen würde Nur eben dem Land selbst.
00:12:13: Fünf Strophen schreibt Koch.
00:12:15: Er legt roses Melodie darunter, die Hochzeitsmelodie aus Aarholsen.
00:12:19: Und es passt!
00:12:46: Eine Schulfeier, Tische, Gäste und ein Akkordeon.
00:12:50: Die Menschen die dort sitzen hören das Lied.
00:12:53: Und sie spüren – Das ist für uns!
00:12:55: Das ist unser Land in Worten.
00:12:58: Von Neu-Dorf trägt es sich weiter Dorf für Dorf fest für fest Vom Kühlte nach Korbach von Korbach nach Aarolsen durchs ganzeweiliger Land.
00:13:07: Gehen wir nochmal nach Kühlthe.
00:13:09: Die Musik spielt, vierzig Menschen singen Die Melodie, die Benjamin Rose von mehr als zwei Jahrhunderten in der Aarhuser Hofkapelle schrieb.
00:13:16: Sie klingt durch den alten Krug... ...in dem Dorf, in dem Koch selbst zehn Jahre lang lebte, predigte und kindertaufte.
00:13:24: In Költe trägt heute eine Straße seinen Namen.
00:13:27: Der Farra, der ausgelacht wurde Und der daraus das Schönste machte was man daraus machen kann.
00:13:34: Ein Lied.
00:13:36: Aber dieses Lied hat noch ne Prüfung vor sich Eine viel größere als eine Abendgesellschaft in Hagen.
00:13:42: In weniger als vierzig Jahren wird das Fürstentum Walik Pyrmont aufgehört haben, zu existieren.
00:14:10: immer noch weitiger.
00:14:13: Das hörst du in Trett II dieser Sonderfolge, in der kommenden Woche!
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